CHINA

noch bevor wir chinesischen boden unter unseren rädern haben , werden wir von unzähligen kameraaugen beobachtet . 
die straße durch das niemandsland zwischen kasachstan und china macht eine schleife .
drei kilometer lang ist der umweg , der im ersten moment sinnbefreit , doch aufgrund der totalablichtung irgendwie gespenstisch logisch erscheint .
vollkommen selbstverständlich durchstöbert der grenzbeamte unser mobiltelefon , scrollt sich durch alle reisebilder , die app zum umgehen der internetzensur ist glücklicherweise gut versteckt . 
nachdem wir in korgas in den genuss von frisch geschlagenen uigurischen nudeln gekommen sind - die genussvoll schlürfenden essgeräusche der anderen werden uns im ganzen land begleiten - sitzen wir auch schon im zug nach urumqi .
der kurze aufenthalt dort reicht aus , um eine ahnung vom ausmaß der überwachung und präsenz der staatsgewalt im öffentlichen raum zu bekommen .
wir fassen den entschluss uns nicht länger als nötig in der provinz xinjiang aufzuhalten.
der nächste nachtzug bringt uns nach jiayuguan .
hier , an der engstelle des hexi-korridors , erreichen wir , wie einst die karawanen der händler auf der seidenstraße , das tor zum historischen kaiserreich .
voller ehrfurcht erklimmen wir die jahrhunderte alte festung aus der ming - dynastie .
in unserer vorstellung werden die wachsoldaten von damals wieder lebendig und verteidigen die grenzlinie aus durchdachten höhlensystemen und steil in den fels gebauten mauern gegen feindliche eindringlinge . 
auch marcopolo hat diese ehemalige grenze passiert, in zanghye winkt er uns als marmorne statue vom kreisverkehr zu und erinnert an einstige forschungsreisen , während er von zahllosen volkswagen made in china umrundet wird .
langsam nähern wir uns dem buddhistischen kulturkreis , wir besuchen den schlafenden buddha und klettern zusammen mit den mönchen in den felsgrotten von matisi in schwindelerregende höhen .
bei einem kurzen zwischenstop in xining wohnen wir dem freitagsgebet einer der größten moscheen im nordwesten chinas bei .
zwar ist ausländischen individualreisenden der zutritt in die autonome region tibet untersagt , dennoch führt unsere reiseroute durch den chinesischen teil des quinghai - tibet plateaus . so haben wir die möglichkeit die faszinierende tibetische kultur kennenzulernen und weiterhin selbstbestimmt unterwegs zu sein .
immer kleiner werden die busse richtung guide , wo wir schließlich wieder auf unsere fahrräder steigen , um uns auf der steilen straße durch den kambula nationalpark zu winden , während bunte felstürme neben uns in den himmel ragen .
der park ist noch in der entstehunsphase , ein ticketbüro , sogenannte scenic spots und wege aus brettern werden gerade angelegt . die ersten chinesischen touristen reisen bereits in bussen an , einige von ihnen machen eine spontane tanzperformance auf einer riesigen besucherplattform inmitten der naturkulisse . zusammen mit den einheimischen souvenirverkäufern beobachten wir schweigend die skurile szenerie zum herrlichen sonnenuntergang .
nachdem alle enthusiastischen tänzer wieder abgefahren sind und auch der letzte tibetische händler seine wolfszähne und gebetsketten eingepackt hat , stellen wir unser zelt einfach auf die nun leere holzplattform und genießen die uns umgebende ruhe .
am nächsten tag werden wir pünktlich um sieben uhr morgens von der emsigen schar der arbeiter geweckt , die eifrig an der fertigstellung der touristischen infrastruktur des parks arbeitet .
bergab rollen wir an einem riesigen stausee und einer megatalsperre vorbei , das wasser des gelben flusses schiesst als weiße gischt aus den turbinen .
in tongren besuchen wir das kloster rongwo , wichtiges zentrum für buddhistische malerei des wutun stils . außerdem wutun shangsi und wutun xiasi.
wir sind ergriffen von unvergleichlicher schönheit und größe der tempel . im inneren bestaunen wir kunstvolle wandmalereien, die luft ist vom säuerlichen geruch der yakbutterkerzen und -skulpturen durchdrungen .
auf dem gelände des klosterkomplexes leben mönche aller altersstufen , pilger umrunden die gebäude und drehen die gebetsmühlen im uhrzeigersinn , über allem liegt das leise murmeln andächtiger gebete .
wir fahren über einen weiteren bergpass und die ausgedehnte hochebene des ganja graslands voller yaks , jurten und traditioneller dörfer , machen einen abstecher zu einer alten stadtmauer , die wir wegen ihrer markanten kreuzform auf dem gps entdecken, und stoßen zufälligerweise auf ein tibetischen volksfest , weil wir kurzentschlossen einem nicht enden wollenden strom von motorrädern mit fahrern in festtagstracht folgen .
tibeter sind ein stolzes Volk , die männer tragen breitkrempige hüte , lederstiefel und wollmäntel mit überlangen ärmeln , die frauen geflochtene schwarze zöpfe und schweren schmuck aus türkis , koralle und silber .
ein weiterer höhepunkt ist labrang , eines der wichtigsten klöster der gelugpa sekte , der auch der dalai lama angehört . millionen werden hier von der chinesischen regierung zum aufbau und erhalt der weitläufigen anlage investiert . gläubige bringen räucherwerk in eigens dafür angefertigten taschen , auf einem ewigen feuer werden grüne zweige , milch und mehl verbrannt , daneben schläft ein heiliges schaf , alte männer spielen go , junge mönche debattieren und ranghöhere tragen riesige respekteinflößende gelbe mützen .
langmusi liegt zurückgezogen in einem bergdorf unweit der quelle des weisen drachen . ewig drehen sich hier vom wasser angetriebene gebetsmühlen . pilger werfen sich beim beten nach vorgegebenem bewegungsablauf dynamisch zu boden , während sie den tempel körperlänge um körperlänge umrunden .
die vorerst letzte bergetappe führt uns vom historischen städtchen zhuokeji nach rilong , wo wir am four sisters mountain wandern , diesen erholungsort outdoorbegeisterter chinesischer großstädter verlassen wir bei schneegestöber .
durch den pandawald fahren wir talwärts in das spätsommerliche chengdu , bekannt für seine teehauskultur .
es kostet uns viel überzeugungsarbeit bei den angestellten des frachtservices der bahn unmögliches doch möglich zu machen und unsere räder ohne uns zu verschicken . schon vorher hatten wir von einem schlauen lehrer gelernt : " you need fighting power " und am ende siegt unsere hartnäckigkeit .
ferien in jangshuo ausgerechnet in der goldenen woche . mit horden von chinesischen touristen treffen wir in der auch bei malern beliebten karstlandschaft ein , verstopfte straßen umfahren wir mit dem motorradtaxi zum hotel und feiern das wiedersehen mit unserer familie .
auf einer teeplantage lernen wir den unterschied zwischen weißem , grünem und schwarzem tee kennen , der durch unterschiedliche verarbeitungsprozesse der gleichen pflanze hergestellt wird . ausgestattet mit bambushut und korb pflücken wir unsere eigenen teeblätter zum mitnehmen .  
auf den reisterassen von longji treffen wir die frauen mit den wohl längsten haaren
der welt , zu kunstvollen frisuren aufgerollt .
ein paar tage erholung in guilin , wir schwimmen im schwarm der geräuschlosen motorroller mit , besuchen einen riesigen flohmarkt , wählen außergewöhnliche gemüsesorten in der lokalen markthalle aus und kochen auf der dachterrasse unserer unterkunft , während vom park gegenüber ohrenbetäubender und schriller traditioneller operngesang heraufhallt .
ein letztes mal sitzen wir zusammen mit den geräuschen und gerüchen der anderen im zug nach shanghai, verbringen ein paar tage in der satellitenstadt suzhou , geraten im secondhandladen für teeschalen in kaufrausch , erkunden die vielen gesichter shanghais , erleben die zusammenschau des kulturellen reichtums im ethnologischen museum , genießen die abende bei feurigen hotpots und craft beer in der französische konzession und bestaunen die überdimensionierte skyline . bei der ausfahrt mit der fähre durch den schier endlosen hafen gleiten wir gemächlich an gigantischen containerschiffen , werften und einer bedrohlichen armada grauer militärschiffe vorbei . unsere kajüte teilen wir uns glücklicherweise mit einem netten japanischen pärchen .
bis zum ende unserer reise durch das reich der mitte haben wir gemischte gefühle .
sind wir einerseits von anfang an fasziniert vom kultuellen reichtum dieses farbenfrohen vielvölkerstaates , bleibt doch immer der bittere beigeschmack der staatlichen unterdrückung von ethnischen minderheiten .
ein ressourcen- und menschenfressendes ungeheuer ist diese volksrepublik , als frei denkender individualtourist , der maximale bewegungsfreiheit schätzt und moderne westliche werte vertritt , wird man in verschiedener hinsicht auf die probe gestellt .
wie wird es wohl weitergehen ?
wir wünschen uns für das aufstrebende china auf dem weg in eine moderne gesellschaft, dass menschenrechte und die persönliche freiheit des einzelnen wieder einen höheren stellenwert bekommen , sich die nation nicht im bedingungslosen fortschritt verliert , sondern sich auch auf ihren bereits vorhandenen reichtum und bewährte weisheit besinnt .

in bildern